Die Schröder-Stranz Expedition (auch Deutsche Arktische Expedition)

Datum: 22. Mai 2020

Die Schröder-Stranz Expedition – Mit wehenden Fahnen in den Tod

Herbert Schröder-Stranz war ein Mann des wilhelminischen Zeitalters: Schnurrbärtig, draufgängerisch, größenwahnsinnig. 1884 wurde er im westpreußischen Stranz auf einem Rittergut geboren. Schröder-Stranz hielt es in seiner Provinz nicht aus, er wollte Teil des deutschen Aufbruchs in die Welt sein. Bereits mit 20 gehörte er der deutschen Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika an. Krankheiten wie Typhus und Ruhr beendeten die Afrika-Karriere des jungen Leutnants vorzeitig. Hätte sich Schröder-Stranz jetzt auf einen ruhigen Inlandsposten zurückgezogen, wäre viel Leid erspart worden. Aber so tickte der Mann nicht. Er konnte die Füße nicht still halten.

Herbert Schröder-Stranz rüstet für die Nordostpassage

Im Sommer 1905, ausgemergelt von den afrikanischen Strapazen, schleppte sich Schröder-Stranz durch die nördliche Hälfte der Erdkugel, durchquerte Karelien und die Halbinsel Kola. Und er träumte. Er, Herbert Schröder-Stranz, würde dem Deutschen Reich zu Ruhm im Frost der Arktis verhelfen! Der erste Plan für eine Deutsche Arktische Expedition wurde geboren.

21.100 Kilometer: So weit ist der traditionelle Seeweg von Europa nach Asien durch den 1869 eröffneten Sueskanal. Die nordöstliche Passage durchs Polarmeer würde diesen Weg um 7.000 Kilometer verkürzen – eine Sensation für den Handel und ein Triumph für dessen Wegbereiter. Der finnisch-schwedische Baron Nordenskiöld hatte die Nordostpassage 1878/79 mit Überwinterung bezwungen. Herbert Schröder-Stranz wollte die Strecke ohne Unterbrechung zurücklegen. Diese Idee setzte sich 1905 in seinem Kopf fest. Aber erst sieben Jahre später durfte er auf sein Ziel losziehen. Was machte der ungestüme Mann in diesen sieben Jahren? Mitte 20 und immer noch nicht berühmt! Schröder-Stranz rührte vor allem die Werbetrommel. Er gründete Vereine, veranstaltete Lotterien, schrieb Bettelbriefe, um das Geld für die Deutsche Arktische Expedition zusammen zu bekommen. Dieser Mann war hartnäckig, überzeugend und letztlich erfolgreich. Er bestellte ein Schiff im Wert von 916.000 Reichsmark für die Haupt-Expedition (obwohl er nicht mal den Vorschuss aufbringen konnte). Und er kaufte mit dem Geld von Herzog Ernst II, Herrscher von Sachsen-Altenburg, ein kleines Robbenfangschiff für die Vor-Expedition. Ja, Herbert Schröder-Stanz war ein guter Promotion-Mann. Aber als Ausrüster versagte er kläglich.

Unfassbare Abenteuer brauchen einen Plan

Bevor wir von Wandermut auf Reisen gehen, haben wir lange nachgedacht. Recherchiert, getestet, vorbereitet, ausgesiebt. Du kannst nicht die unwirtlichsten, faszinierendsten, unberührtesten und klimatisch extremsten Gegenden dieser Welt mit einer Truppe willkürlich zusammengewürfelter Abenteuer-Dilettanten erkunden. Du brauchst Packlisten mit allem, was an notwendiger und brauchbarer Ausrüstung bereitsteht. Vor allem aber brauchst du Teilnehmer, die genauso verrückt sind, die Frust aushalten, zähe Anstrengung, absolute Natureinsamkeit und die unglaubliche Euphorie, es geschafft zu haben. Wir wissen, was wir uns und dir zumuten. Unsere Trips sind alles, außer gewöhnlich – darum stellen wir unsere Expeditionstruppen im Bewerbungsverfahren zusammen. Es ist eine der tollsten Erfahrungen, wenn die Teammitglieder während der Reise immer enger zusammenwachsen und sich in ihren Stärken ergänzen. Wir planen unsere Abenteuer zwar akribisch – aber glaube uns: Planänderungen sind an der Tagesordnung!

Führungsallüren ohne Führung

Herbert Schröder-Stranz hatte seine Energie in der Geldbeschaffung verzettelt. Als die “Herzog Ernst”, das kleine, zweimastige Segelschiff mit dem asthmatischen Petroleummotor, 1912 zur Abfahrt bereit stand, konnte Schröder-Stranz nicht mehr warten. 28 Jahre war er mittlerweile alt, auf der Schwelle des Ruhms – und ungeduldig. Die Hoffnungen der Nation hingen an dieser Reise, jetzt Schröder-Stranz Expedition genannt. Der Preuße rekrutierte in aller Eile zehn Expeditionsmitglieder, die allesamt keine Erfahrungen in Eis und Schnee hatten. Dazu kamen fünf norwegische Besatzungsmitglieder. Die Männer stachen am 5. August 1912 mit einem voll gepackten Schiff, leichten Lederschuhe an den Füßen, in See. Das Debakel der Schröder-Stranz Expedition nahm seinen Anfang.

August: Die Wahl dieses späten Abreisedatums zeigt die Unerfahrenheit des Expeditionsleiters Herbert Schröder-Stranz. Spätestens Mitte September kehrt in der Arktis das Packeis zurück. Das Wetter wird unbeständig und innerhalb weniger Stunden blockieren Eismassen die Einfahrten von Buchten. Noch unerfahrener als ihr Chef waren die Expeditionsmitglieder. Schröder-Stranz stellte ihnen kurz vor der Abfahrt die Möglichkeit einer Überwinterung in Aussicht. Das wirkte ausgesprochen demotivierend auf die Crew. An Bord stritt man sich ums Essen, beschwerte sich über den norwegischen Koch und hatte Hierarchieprobleme. Am 15. August 1912 erreichte die ‘Herzog Ernst’ die Eiskante in Höhe Kap Platen und Nordkap (Spitzbergen). Das Schicksal nahm seinen Lauf.

Exit Herbert Schröder-Stranz

Vielleicht hatte Herbert Schröder-Stranz schon jetzt die in seinen Augen kleinliche Nörgelei an Bord satt gehabt. Er wollte den großen Wurf und schlug sich mit einer Bande von bequemlichkeitsliebenden Pessimisten herum. Schluss damit! Eilig wurde eine Kleinexpedition zusammengestellt: Kapitänleutnant a. D. Sandleben, Geologe Dr. Mayr, Privatsekretär Schmidt, ein Hundegespann. Es war das erklärte Ziel des Expeditionsleiters, das Inlandeis zu erkunden und in der Croßbai wieder auf das Schiff zu stoßen. Die Nörgler und Pessimisten sahen die kleine Gruppe in der weißen Eiswüste verschwinden. Sie sollten sie nie mehr wiedersehen. Herbert Schröder-Stranz und seine Begleiter wurden von der Arktis verschluckt.

Arktis, Ende August 1912. Die ‘Herzog Ernst’ hat die Sorgebai erreicht. Der arktische Winter beginnt dieses Jahr früh, Packeis läuft auf, eine Überwinterung scheint unausweichlich. Proviant ist genug vorhanden, aber es herrscht schlechte Stimmung unter den führungslosen Mitgliedern der Schröder-Stranz Expedition. Die Norweger beschließen, auf dem Schiff zu bleiben. Die sechs Deutschen packt das Heimweh, sie machen sich auf den 280 Kilometer langen Fußmarsch zur nächsten Siedlung am Adventfjord. Drei von ihnen werden dieses Himmelfahrtskommando überleben. Der Ozeanograf Dr. Rüdiger und der Kameramann Rave retten sich in eine Schutzhütte. Rave amputiert Rüdiger den erfrorenen Fuß mit einer Säge. Allein Kapitän Alfred Ritscher erreicht mit unmenschlicher Disziplin die Adventbai, zuletzt auf allen Vieren kriechend. Im Jahr 1913 gelingt die Bergung der im Eis verbliebenen Expeditions- und Besatzungsmitglieder. Von Herbert Schröder-Stranz fehlt bis heute jede Spur.

Die Route der Schröder Stranz Expedition (Quelle: Wikipedia)
Die Route der Schröder Stranz Expedition (Quelle: Wikipedia)

Expeditionen sind Kunstwerke

Größenwahnsinn. Überstürztheit. Maßloser Ehrgeiz. Schlechtes Timing. Schlechte Ausrüstung. Mangelhafte Mannschaftsführung. Arroganz und Naivität. Die Deutsche Arktische Expedition unter Herbert Schröder-Stranz hat acht Männern das Leben gekostet und das Entdecker-Image des Landes  beschädigt. “German Arctic Desaster”, titelte die New York Times 1913.

Expeditionen sind Kunstwerke. Expeditionen sind Balanceakte: ihr Erfolg liegt zwischen Vorsicht und Abenteuer. Die Leiter von Expeditionen tragen eine Riesenverantwortung auf den Schultern. Sie kennen die Gefahren, den Weg, das Klima, sie kennen Einsamkeit, die entnervende Anstrengung des Durchhaltens und das Glück, wenn eine Etappe, wenn das Ziel erreicht ist. Sie haben die Ausrüstung getestet und alle Strapazen am eigenen Leib erfahren. Zu einem erfolgreichen Abenteuer bedarf es einem Team mit entsprechender Ausdauer, das den Anstrengungen gewachsen ist. Selbsterfahrung, Gewissenhaftigkeit, Psychologie und eine Prise Wahnsinn auf der Jagd nach den unfassbarsten Abenteuern dieses Planeten – dafür stehen wir von Wandermut. Auf uns kannst du dich verlassen!

 

 

Quellen: https://www.spiegel.de/geschichte/abenteurer-a-946817.html 

https://www.welt.de/print-welt/article172987/Expedition-zum-noerdlichsten-Wrack-der-Welt.html

http://www.histoarktis.de/histoarktis_press/2015/06/19/1912-1913-schroeder-stranz-expedition-deutsche-arktische-expedition

http://www.polarwelten.de/include.php?path=content/articles.php&contentid=758