Amazonas Expedition 2019

Datum: 14. November 2019

Tom und Martin gehen mit Wandermut dorthin, wo niemand hingeht. Auf ihren Expeditionen wagen sie sich in die abgelegensten Regionen dieser Welt. Mit einer Handvoll Abenteurer wanderten sie tief in den Dschungel Perus, um unentdeckte Stätten der Chachapoya-Kultur aufzuspüren. Mit welchen Erfahrungen der Amazonas sie nach Wochen wieder ausspuckt, lest ihr in unserem Erfahrungsbericht.

Don José mustert unseren Trupp. Der Quechua-Indianer ist unser Guide für diese Amazonas Expedition. Seine wachen Augen schauen sich jedes Gesicht ganz genau an. Wir, zehn an der Zahl, sehen aus wie waschechte Abenteurer. Aber die braune Tarnkleidung und unsere teure Ausrüstung täuschen den Mittsechziger nicht. Im Gegenteil. Sie verraten ihm vieles über uns: unsere wohlbehütete Herkunft, unsere absolute Unerfahrenheit. Doch genau darum sind wir hier, diese wohlgeschätzte Komfortzone wollen wir verlassen.

Im dichten Dschungel des Amazonas sind wir absolut auf ihn angewiesen. Das wissen wir. Er weiß es auch – und trägt diese Verantwortung mit Stolz. Noch blitzt die pure Abenteuerlust in unseren Augen, noch haben wir keine giftige Schlange gesehen, keine Vogelspinnen, noch riechen wir frisch geduscht, unsere Kleidung frisch gewaschen. Das wird sich schnell ändern. Vermutlich hält er uns für völlig leichtsinnig, für verrückt allemal. Denn diese Expedition führt in ein Gebiet, wo sich selbst Don José noch nie hineingewagt hat.

Tief im undurchdringlichen Dschungel, wo die Ausläufer der Anden als steile Schluchten auf weite Ebenen treffen – dort lebte einst das Volk der Chachapoya tausende Jahre von und mit dieser wilden Natur. Ihre Toten mumifizierten und beerdigten sie mitsamt allerlei Schätzen in Höhlen in den Berghängen. Oft waren diese Grabkammern von dichtem Nebel verhangen, warum man sie vielleicht später auch die „Wolkenmenschen“ oder „Nebelkrieger“ nannte. Als die Inkas und dann die Spanier kamen und Krankheiten und Kriege mit sich brachten, waren die Chachapoya in kurzer Zeit ausgelöscht. Dabei bewohnten einstweilen vermutlich 500.000 Menschen die verschiedenen Städte.

Unser Guide entdeckt ein Chachapoya-Haus
Unser Guide entdeckt ein Chachapoya-Haus

Das Rätsel der Wolkenmenschen

Doch heute, über 500 Jahre später, weiß man noch immer sehr wenig über die Lebensweise der Chachapoya. Entdeckungen von aufwendig mumifizierten Kriegern, riesige Lehmfiguren und eine alte Festung sind nur Andeutungen, wie gigantisch diese Kultur gewesen sein muss. Jahrhunderte Dschungelwuchs hüten ihr Geheimnis. Denn das Gebiet im Amazonas, das dieses mysteriöse Volk bewohnte, liegt mehrere Tagesmärsche von jeglicher Zivilisation entfernt. Es gilt als besonders wild und undurchdringlich: pure Wildnis, für tausende von Kilometern. Um dorthin zu reisen, benötigt es eine Sondergenehmigung der Regierung, Kartenmaterial der Gegend ist rar. Kaum jemand hat das Gebiet seit den ausgestorbenen Ureinwohnern betreten – lediglich eine Expedition, die sich in den achtziger Jahren aufmachte, um das Rätsel der mysteriösen Wolkenmenschen zu lüften. Sie endete tödlich. Seither ist niemand mehr dort gewesen.

Doch wir sind Wandermut, eine Gemeinschaft von Abenteurern, die dahin geht, wo niemand hingeht. Auch tief in den gefährlichen Amazonas, um dort für die Aufklärung dieser wundersamen Kultur alles zu riskieren. Wir kennen Don José bereits gut. Dies ist unsere vierte Amazonas Expedition in den Regenwald Perus. Er und seine Söhne haben uns schon mehrmals begleitet. Jedes Mal dringen wir weiter in den Dschungel vor. Und jedes Mal machen wir neue, sensationelle Entdeckungen. Bei unserem letzten Abenteuer haben wir eine ganze – noch völlig unbekannte – Stadt der Chachapoya entdeckt. Vielleicht habt ihr ja von diesem spektakulären Fund bereits gelesen?

Die Strapazen der Amazonas Expedition

Don José schenkt uns ein breites Lächeln, als wäre er mit unserer Auswahl an Expeditionsteilnehmern einverstanden. Er weiß: Nicht jeder ist für dieses Abenteuer gemacht. Die kommenden Wochen werden sehr anstrengend. Zwölf Stunden Wandern am Tag mit über 20 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken sind Standardetappen. Dazu kommen giftige Tiere, die Suche nach Trinkwasser, heftige Regenfälle, unbequeme Nächte. Weitab von Handyempfang, Krankenhäusern oder Supermärkten.

Stunde um Stunde führt Don José unseren Trupp durch den Dschungel an. Tagelang. Wir orientieren uns mit einem GPS-Gerät. Mit seinen Gummistiefeln hüpft der kleine Mann über den schmalen Pfad, der täglich matschiger und enger wird. Bis er ganz verschwindet und Don José mit seiner Machete jeden Meter freischlagen muss. Immer wieder zwingt uns ein reißender Fluss innezuhalten. Don José berät sich mit seinen Söhnen. Auch bei den größten Hindernissen klingt sein Quechua-Sing-Sang beruhigend in unseren Ohren. Kein Fluss ist ihm zu tief, keine Strömung zu heftig. Er ist die Ruhe selbst. Hinter seinem riesigen Rucksack hört man ihn Lieder pfeifen, während wir unter unseren Rucksäcken und der Hitze ächzen. Wir folgen ihm im Gänsemarsch, an aufgeben ist nicht zu denken. Den Abschluss bildet sein Sohn Carlos.

Hier draußen in der Wildnis, in den guten Händen der indigenen Dschungelbewohner, könnte man sich nicht ferner seines Alltags fühlen. Alles, was auf dieser Amazonas Expedition zählt, ist das Hier und Jetzt. Und jeden Tag, den wir entlang einer der Schluchten wandern, kommen wir dem Fuße der nebelverhangenen Berge ein Stück näher. Dort liegt – unseren Informationen nach – eine längst vergessene Chachapoya-Stätte.

 

Expedition mit Hindernissen

Wie viele Tage vergangen sind, vermag keiner mehr zu sagen, als wir endlich gemeinsam ums Lagerfeuer in ebendieser Stätte sitzen. Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit, die wir schon im Amazonas sind. Es ist viel passiert. Unser Expeditionsteam hat sich verkleinert. Krankheit und Anstrengungen plagen die Gruppe und einige Abenteurer ruhen sich zurückgeblieben im Heimatdorf unserer Guides bereits aus. Leider sind wir nicht die Ersten, die das Abenteuer der Anreise auf sich nahmen. Grabräuber müssen uns Jahre zuvorgekommen sein – und haben alles geplündert. Sogar Kletterhaken haben sie in die blanken Felswände geschlagen, um auch die letzte Mumie der Chachapoya samt ihrer Grabbeilagen aus den Höhlen weit oben im Fels zu stehlen.

Dabei sind diese Artefakte unglaublich wichtig, um die Aufklärung dieses mysteriösen Volkes der Wolkenmenschen weiter voranzubringen. Wir arbeiten deshalb eng mit Partnern der peruanischen Behörden zusammen und haben bisher alle unsere Funde und Entdeckungen gemeldet. Nur so können wir das Rätsel um das Leben der Chachapoya lösen und die Erinnerung an diese einstige Hochkultur für künftige Generationen in Museen erhalten.

Eine spannende Entdeckung

Doch die Stimmung ist ungetrübt. Wir haben uns an die Moskitos gewöhnt, auch an den täglichen Regen, an die kleinen Wunden hier und da. An das braune Flusswasser, das wir gründlich desinfizieren, bevor wir es trinken. Und auch die Blasen an den aufgeweichten Füßen und unsere harten Isomatten spüren wir kaum noch. In nur wenigen Tagen scheint jeder einzelne von uns um tausend neue Erfahrungen gereift – und unsere Waden um Zentimeter gewachsen. Die Sehnsucht nach einer Dusche ist groß, doch das Gefühl der Wildnis berauscht uns mehr als alles, was wir in unserem bisherigen Leben kannten.

Wir hatten uns erhofft, in der Schlucht, die sich der Chachapoya-Stätte anschließt, weitere Funde zu machen. Doch: Nichts. Nur undurchdringlicher Dschungel. Als wir an einem der letzten Tage unsere Drohne steigen lassen, um uns ein Bild der gigantischen Umgebung zu verschaffen, können wir doch unseren Augen nicht trauen. Zwischen all dem Grün des Dschungels erblicken wir einen kleinen weißen Punkt im Felsen weit über uns. »Walla«, erklärt uns Don José, ein Krieger! Und tatsächlich: als wir näher heranfliegen, sehen wir klar eine Mumie, dessen Speer noch an ihrer Seite ruht. Ihre Totenstätte liegt so hoch, dass selbst die Grabräuber sie nicht entdeckten.

Die Mumie muss warten

Leider fehlt auch uns das nötige Equipment, um sie zu bergen. Aber nein, wir sind nicht enttäuscht. Nicht alle Abenteuer enden in großen Entdeckungen. Doch wir sind bereichert. Von den unzähligen Entdeckungen, die jeder von uns für sich selbst machen konnte. Das Gefühl der Wildnis. Die Schönheit des Dschungels. Die Ruhe, wie sie Don José versprüht. Der Abenteuergeist, der unsere Gruppe wie eine jahrelange Freundschaft verbindet. Und nicht zuletzt: Licht in das Rätsel der Chachapoya gebracht zu haben. Nie haben wir uns so lebendig gefühlt.

Doch wir wären nicht Wandermut, wenn wir uns hiermit zufrieden gäben. Unzählige weitere Schluchten, die noch niemand betreten hat, unzählige Höhlen, in denen Mumien und Schätze liegen. Felsen, die wie gemacht sind für Heiligstätten. Sie warten auf uns, bis wir mit der nächsten Amazonas Expedition und neuen Abenteurern zurückkehren. Also los! Wer kommt mit?